Was ist Neue Phänomenologie?

Phänomenologie – dieses Wort bezeichnet eine philosophische Richtung, deren Ideen weit ausstrahlen in zahlreiche andere Wissenschaften von der Medizin und Physik über die Sozialwissenschaft bis zur Psychologie.

"Zu den Sachen selbst!" Mit dieser einfachen Formel hatte Edmund Husserl eine träge gewordene Forschungstradition neu in Schwung gebracht und zahlreiche junge Talente angezogen. Die Phänomenologie entstand als Opposition gegen die akademische Philosophie, die es in verschiedener Weise lediglich zu Neuauflagen der Konzeptionen der Klassiker brachte, wenn sie sich nicht nur in Gedankenverwaltung erging. Doch es ist eine der Ironien der Geschichte, daß in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts ausgerechnet Husserl selbst zum Gegenstand einer akademischen Scholastik wurde, gegen deren Sterilität er sich einst wandte und deren Ausmaß mittlerweile schon bizarre Formen angenommen hat.

Die Gesellschaft für Neue Phänomenologie (GNP) ist der Auffassung, daß es an der Zeit ist, den ursprünglichen phänomenologischen Impuls zu beleben, sich aufs Neue zu den »Sachen selbst« aufzumachen und zu den Phänomenen vorzudringen. Denn die Prägung unserer Vorstellungskraft durch naturwissenschaftliche Theorien und Konstruktionen, die weithin zu einem selbstverständlich akzeptierten Bildungsgut geworden sind, verstellt den Blick auf die Tatsachen der Lebenserfahrung. Sie aber waren es, die die philosophische Reflexion von Anfang an bewegten. Die Neue Phänomenologie möchte deshalb hinter die Schematisierungen der Naturwissenschaft zurückgehen. Der Phänomenologe kann durch geduldige philosophische Kritik die Konzepte und Konstruktionen, die unsere alltägliche Wahrnehmung gängeln und verengen, aufzeigen und abbauen. Das ist weit mehr als nur ein negativer Prozeß. Denn es werden dabei auch neue Erfahrungschancen freigelegt – eine offenere Haltung zur Wirklichkeit bildet sich heraus – zugleich eine solide Skepsis gegen alles voreilige Bescheidwissen.

Die Neue Phänomenologie verdankt ihre begriffliche und thematische Grundlegung den philosophischen Bemühungen von Hermann Schmitz. Er hat in geduldiger Sorgfalt die unbefangene Lebenserfahrung auf breiter Front rechenschaftsfähigem Sprechen zugänglich gemacht und damit – ausgehend von dem, was wir am eigenen Leibe spüren – große Bereiche der Wirklichkeit einer methodischen Besinnung neu erschlossen: Leib, Gefühle, Atmosphären, Situationen.

Zwar ist der Leib, als das, was uns sozusagen am nächsten ist und am meisten beschäftigt, ein wichtiges Thema der traditionellen Phänomenologie. Aber die Schmitzsche Analyse des leiblichen Befindens stellt eine neue Stufe in der Entwicklung des Themas dar. Sie liefert eine Konzeption zu zahlreichen leibzentrierten Verfahren. Nicht zufällig wird sie von Medizinern und Therapeuten rezipiert und diskutiert. Die GNP pflegt – vielleicht als einzige philosophische Gesellschaft – seit Jahren kontinuierlichen Kontakt mit Ärzten und Psychologen.

Die Leiblichkeit ist allerdings nicht das einzige Thema, mit dem sich Neue Phänomenologie befaßt. Die GNP ist der Auffassung, daß sämtliche Themen der Philosophie – von der Erkenntnistheorie über die Rechtsphilosophie bis zur Ästhetik – einer erneuten phänomenologischen Analyse zugänglich sind und ihrer bedürfen. Von anderen philosophischen Ansätzen unterscheidet sich die Neue Phänomenologie dadurch, daß sie grundsätzlich an Erfahrung und Anwendbarkeit orientiert ist.

Wer sich für das Anliegen einer interkulturell und interdisziplinär orientierten Neuen Phänomenologie interessiert, kann sich auf der GNP Website über die Ziele der Gesellschaft, die jährlichen Symposien und über die wissenschaftliche Buchreihe informieren.

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