07. 09. 2014

Nachruf auf Hans-Joachim Waschkies

Hermann Schmitz hat einen Nachruf auf den vor Kurzem verstorbenen ehemaligen Kollegen und Präsidenten der GNP verfasst, der in einer gekürzten Fassung in der Zeitschrift "Information Philosophie" erschienen ist. Den vollständigen Text des Nachrufes können Sie im Folgenden lesen:

Nachruf

 

 

Es ist überall nichts in der Welt, ja überhaupt auch außer derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden, als ein guter Wille.“ So beginnt Kant seine Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. Hans-Joachim Waschkies verkörperte bis in die Erscheinung hinein mit schlichter Klarheit solchen guten Willen so überzeugend, dass es vertretbar ist, das Gedenken an ihn unter dieses Motto zu stellen. Aber der ungeschützt gute Wille eines Menschen kann auch missbraucht werden. Das ist Waschkies mehrfach widerfahren. In den Wirren des Kriegsendes kam er als Kind mit seiner Familie aus dem Osten – der Name erinnert an litauische Ursprünge – nach Nordschleswig, wo er eine gute humanistische Ausbildung genoss, der er einen geläufigen Umgang mit dem klassischen Griechisch verdankte. Nach einem in Kiel und Bonn absolvierten Studium u.a. der Philosophie, Mathematik und Physik wurde er in Kiel einem Hochschullehrer der Mathematik zugeordnet, mit dem sich die Zusammenarbeit allerdings als schwierig erwies. Waschkies, in seiner Verlegenheit, wagte den Überschritt zur Philosophie und wandte sich an mich. Ich erkannte die Chance, seine speziellen Kenntnisse und Fähigkeiten im Grenzgebiet von Philosophie- und Mathematikgeschichte zu nützten, und bot ihm Arbeiten zur Stetigkeitslehre des Aristoteles an. Mit seinem hervorstechenden Eifer zur genauesten Ergründung der Details begann er Studien an alten Handschriften der Elementatio physica des Proklos (einer Epitome des 6. Buches der Physik des Aristoteles) und der pseudo-aristotelischen Schrift Über die unteilbaren Linien. Bald aber konzentrierte sich seine Arbeit auf den vermuteten Zusammenhang zwischen der aristotelischen Theorie des Kontinuums und der zeitgenössischen Geometrie. Ich verschaffte ihm dafür ein Doktorandenstipendium der Studienstiftung des Deutschen Volkes. Das Ergebnis war eine Dissertation mit dem von mir empfohlenen Titel „Von Eudoxos zu Aristoteles“, die sehr gute Indizien für die Beeinflussung der reifen Stetigkeitslehre des Aristoteles durch die dem Eudoxos zugeschriebene (nicht-archimedische Größensysteme umfassende) mathematische Proportionentheorie nachweist. Waschkies ergänzt dieses Ergebnis durch eine Beobachtung, die er in seinem Aufsatz „Eine Hypothese zur Entdeckung der inkommensurablen Größen durch die Griechen“ (Journal for History of Exact Sciences 7, 1971, 325 ff.) veröffentlicht hat. Er fand heraus, dass sich die irrationalen Größenverhältnisse schon durch einfaches Hantieren mit den Rechensteinen (Psephoi) der frühgriechischen Arithmetik ergeben. Daraus entwickelte er in der Dissertation eine neue Sicht auf die (z.T. hemmende) Einwirkung der Arithmetik auf die Ausarbeitung der axiomatischen Methode in der griechischen Geometrie und den 2 Analytiken des Aristoteles. Ein sehr wichtiges Ergebnis von Waschkies ist ferner die genauere Bestimmung der Lebensdaten des Eudoxos mit Widerlegung der phantastischen, aber verbreiteten Hypothese, Eudoxos habe Platon während dessen Abwesenheit in Sizilien in der Akademie vertreten. Die Dissertation, mit der Waschkies 1973 promoviert wurde, erhielt das Prädikat „opus eximium“ und wurde 1976 mit einem Druckkostenzuschuss der Universität in einem holländischen Fachverlag veröffentlicht. Sie hat international in Fachkreisen jahrzehntelang Beachtung gefunden und Waschkies als einen führenden Spezialisten für das Grenzgebiet griechischer Mathematik und Philosophie bekannt gemacht.

 

Seit 1973 war Waschkies mein wissenschaftlicher Assistent. Ich ließ ihm fast ganz freie Arbeitszeit zur Vorbereitung auf die Habilitation. Er wählte ein Thema aus der Neuzeit, nämlich die Vor- und Entstehungsgeschichte von Kants Jugendwerk „Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels“ im Zusammenhang mit der an Newton anknüpfenden Diskussion über Attraktions- und Repulsionskräfte. Die ihm vergönnte ungebundene Arbeitszeit verwendete er mit großer und ergiebiger Arbeitswut auf Detailstudien, in denen er sich aber zu verzetteltn drohte. Schließlich fasste Waschkies seine Ergebnisse mit einer Kraftanstrengung binnen weniger Wochen zu einer Habilitationsschrift zusammen, die unter dem Titel „Physik und Physiktheologie des jungen Kant“ als umfangreiches Buch erschienen ist. Die mehr als verdiente Habilitation gestaltete sich schwieriger als erwartet. Spannungen im Direktorium des Philosophischen Seminars, verschärft durch strittige Auseinandersetzungen über Habilitationen, führte dazu, dass noch im Kolloquium versucht wurde, die Habilitation zu verhindern. Diese Gefahr wurde zwar abgewendet, die venia aber zuerst auf Wissenschaftsgeschichte eingeschränkt. Die Fakultät hat nach geraumer Zeit diese Ungerechtigkeit gutgemacht und, gestützt auf auswärtige Gutachten, die Waschkies uneingeschränkte Befähigung für einen Lehrstuhl der Philosophie bescheinigten, die venia für Philosophie und Wissenschaftsgeschichte verliehen.

 

Nach der Habilitation hat Waschkies, in einer Dauerstellung als Universitätsdozent und außerplanmäßiger Professor, an der Universität Kiel die Wissenschaftsgeschichte als Studiengang aufgebaut und betreut. 1989 erschien bei Grüner in Amsterdam sein Werk „Anfänge der Arithmetik im alten Orient und bei den Griechen“, worin er seine These vom nicht-axiomatischen, auf handgreiflichen Umgang mit Kalkülen beruhenden Ursprung der Arithmetik von den Griechen bis zu den Sumerern zurückverfolgt. Als führendem Spezialisten für antike Wissenschaftsgeschichte wurde ihm deren Darstellung im Handbuch der Geschichte der Philosophie (dem sogenannten Neuen Überweg) anvertraut.

 

Als 1992 die Gesellschaft für Neue Phänomenologie gegründet wurde, zeigte sich ein noch weiterer Horizont der Interessen Waschkies’: Hermann Schmitz, der jahrzehntelange Protektor der wissenschaftlichen Laufbahn von Waschkies, hatte seit 1964 in umfangreichen Publikationen aus dem Bestreben, den Menschen ihr wirkliches Leben begreiflich zu machen, eine Neue Phänomenologie ausgearbeitet, da ihm die bereits eingeführte Phänomenologie, etwa bei Husserl und Heidegger, wegen traditioneller, hauptsächlich metaphysischer, Verkünstelungen nicht geeignet schien. Waschkies ist auf dieses Unternehmen mit leicht distanziertem Enthusiasmus – dieses Oxymoron sei gestattet – eingegangen: Ihm war klar, dass die konstruktiv reduzierte Abstraktionsbasis der exakten Wissenschaften der ergänzenden Öffnung zur unwillkürlichen Lebenserfahrung bedürfe. Da die Neue Phänomenologie alle vor ihr eingeführten Begriffe sorgfältig ausdefiniert, die Gedankenschritte begründet und tunlichst mit empirischen Beispielen belegt, traf er in ihr auf ein hinsichtlich der Exaktheit ihm vertrautes und ihn ansprechendes Milieu. Daher war er bereit, 1992 den Vorsitz der gerade gegründeten Gesellschaft zu übernehmen, und hat bis 1997 dieses Amt als sicherer Steuermann kraftvoll und unanstößig durch die jährlich stattfindenden, thematisch spezialisierten Symposien geführt. Nach seinem Rücktritt wurde er Ehrenvorsitzender.

 

Hans-Jochachim Waschkies war einer der nobelsten Menschen, die ich gekannt habe. Als Grundzug seines Wesens wage ich eine unerschütterliche Rückhaltlosigkeit zu nennen, in der sich unverstellte Offenheit, Menschenfreundlichkeit und Feinfühligkeit zu einer zähen, aber illusionslosen Zuversicht verbanden, die auch durch Mühen und Klippen auf dem Lebensweg nicht beeinträchtigt werden konnte. Unübertrefflich war sein volltönendes Lachen, das nie der Situation unangemessen war und in ihr ohne jede Spur von Hohn oder Gebrochenheit stets die Oberhand behielt. Er hatte diese Kraft nötig wegen großer Lebensschwierigkeiten, namentlich chronischer Krankheit in der Familie und schließlich am eigenen Leib. Bis zuletzt war er ein lebhafter und anregender Gesprächspartner.

 

Hermann Schmitz, Kiel

 

 

Den Nachruf können Sie hier herunterladen.

Von: GNP