Hermann Schmitz (†) - Kondolenz


Liebe Mitglieder der Gesellschaft für Neue Phänomenologie,

mit diesem digitalen Kondolenzbuch möchten wir Ihnen Gelegenheit geben, Worte des Abschieds, der Erinnerung oder Würdigung zu finden und zu veröffentlichen. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir die Beiträge erst mit einer kleinen Verzögerung freischalten können.


Ich bin im Zuge meiner Promotion auf das Werk von Professor Hermann Schmitz gestoßen und hatte das große Glück, ihn mehrere Male persönlich treffen und erleben zu dürfen und ihn als Korreferent für meine Dissertation zu haben. Jedes einzelne Treffen hat nachhaltigen Eindruck auf mich gemacht und tief gewirkt. Die Klarheit, Originalität und Ernsthaftigkeit seines Denkens zu erleben, verbunden mit dem immer wieder aufblitzenden Humor, war ein großer Gewinn für mich. Ich bin sehr dankbar für diese prägenden Momente und Erfahrungen. Mit Trauer habe ich von seinem Tod erfahren. Die Erinnerungen und sein Werk werden bleiben.

Dr. Ziad Mahayni


Mit großer Bestürzung und tiefstem Bedauern habe ich erfahren, daß Herr Prof. Dr. Hermann Schmitz verstorben ist. Die Zeit, in der ich bei ihm studierte, in der ich ihm als wissenschaftliche Hilfskraft zuarbeitete und in der ich schließlich - unter seiner Leitung - meinen Doktorgrad erwarb, wird mir immer als besonders bereichernd und angenehm im Gedächtnis bleiben.

    Dr. Sebastian Wolf,  Kleve


Leibsein als Aufgabe.

Hermann Schmitz' Buch über den Leib ist als Untersuchung nicht bloß besonders gelungen, sondern kommt einer Neuentdeckung ihres Gegenstandes gleich. Phänomenologie übernimmt hier, wie schon mehrfach, die Funktion, gerade das, was sich gewöhnlich nicht zeigt, ans Licht zu heben, insbesondere das sichtbar zu machen, was unter der Herrschaft des naturwissenschaftlichen Denkens und der technischen Lebensführung verdrängt und verleugnet wird...

Was ursprünglich ein reines Pathos, die überwältigende Präsenz des Leibes war, wird unter den gegenwärtigen Lebensbedingungen zu einem Verhalten, zu etwas,  das man können muß...

Leibsein ist heute eine Aufgabe. In zunehmendem Maße werden die elementarsten Vollzüge leiblicher Existenz wie Atmen, Einschlafen, Verdauen, Gebären, Sich-Lieben, alle Arten von Wahrnehmung etwas, das nicht von selbst seinen gemäßen Gang nimmt, zu dem vielmehr ein Können gehört. Schmitz' Buch vermittelt das Wissen um den Leib, das dieses Können leiten müßte.

Aus: Gernot Böhme, Leibsein als Aufgabe. Eine Besprechung des Buches Der Leib von Hermann Schmitz. In: Hippokrates. Wissenschaftliche Medizin und praktische Heilkunde im Fortschritt der Zeit. 40/1969, H.5., S. 186-191.

Prof. Dr. Gernot Böhme


Nachruf auf Hermann Schmitz

In den modernen Bibliotheken werden die Bücher nach Gröβe sortiert und gelagert. Die unerwarteten und überraschenden Funde, wenn man sich einen Bücherschrank anschaut, sind so in ein nicht-mehr-dasein zurückgewiesen. In den Büchern selbst sind solche Funde zum Glück noch möglich geblieben. Die durch intensive Übung geschärfte Sensitivität ermöglicht solche Funde, so wie ich 1985 in einer Note in ‚Das Andere der Vernunft‘ von Hartmut und Gernot Böhme Hermann Schmitz entdeckte. Seitdem hat mich die Neue Phänomenologie nicht mehr losgelassen. Als Staatsrecht- und Verwaltungsjurist war der Begriff der Bangnis für mich von groβer Bedeutung. Viele Regelungen öffentlichen Rechts haben ihren Ursprung im problematischen Verhalten der von Bangnis ergriffenen Menschen. Dieses Thema habe ich stets in meinen Vorlesungen an der Jura Fakultät in Groningen behandelt. Ich erinnere mich auch noch sehr gut, wie Hermann Schmitz, nachdem er sich zwei Tage lang die Sprecher der Niederländischen Juristenwelt angehört hatte, in seinem Schlussvortrag die bis dann angesprochenen Themen in einen ganz neuen und erfrischenden Zusammenhang stellte. Dies geschah auf der Konferenz ‚De rechtsstaat herdacht‘ anno 1989 in Groningen.

Dies war für mich der Anfang einer bis heute ununterbrochen Inspiration, die die Neue Phänomenologie mir schenkt. Ich hoffe, dass die neue Generation durch intensive Übung im Internet eine gleichwertige Intuition entwickelt, um Hermann Schmitz als einen überraschenden Fund kennen zu lernen.

Berend C. Vis

Groningen, 3. Juni 2021


Mit Trauer und Bestürzung erfahre ich vom Tod von Professor Dr. Hermann Schmitz. Ich habe in den 1990er Jahren bei ihm am Institut für Philosophie der Universität Kiel studiert. Ich habe mir seine Vorlesungen und das von ihm veranstaltete Seminar angehört. Obwohl ich manche Inhalte zu dieser Zeit nicht verstand, waren seine Vorlesungen fokussiert und gewissenhaft und haben mich dadurch tief angezogen. Im kalten Winter, während ich eines Abends in sein warmes Büro ging, half er mir, meinen Mantel auszuziehen, er beantwortete meine Fragen geduldig, und sein freundliches und großzügiges Lächeln, all dies erfüllte mich mit Wärme. 

Im Laufe der Jahre schickte er mir oft seine neuveröffentlichten Werke. Als chinesischer Student, der ein großes Interesse an seiner neuen phänomenologischen Theorie hat und seine Lehren gehört hat, habe ich besonderen Respekt vor ihm. Ich habe vier seiner Bücher in China übersetzt und mehr als zehn Artikel über seine Gedanken veröffentlicht. Ich werde weiterhin seine Bücher lesen und studieren, seine Gedanken in China verbreiten, um auf diese Weise seiner zu gedenken und mich an ihn zu erinnern.

Institut für Philosophie der Universität Zhejiang, VR.China

Prof. Dr. Xuequan Pang

am 20.5.2021


Ein persönlicher Nachruf für Prof. Dr. Hermann Schmitz

Die Nachricht über den Tod von Prof. Dr. Hermann Schmitz macht mich sehr traurig. Erst eine geraume Zeitspanne nach Eintreffen der Nachricht gelingt es mir, meine Betroffenheit in Worte fassen.

1989 besuchte ich eine Fortbildungsveranstaltung für Psychotherapeuten in Hamburg, deren wesentlicher Inhalt die "Neue Phänomenologie“ in ihrer Bedeutsamkeit für die Gestaltpsychotherapie war, und die für mich besonders mit der Erwartung auf eine erstmalige Begegnung mit Professor Schmitz und seinen Vortrag über den „Schwindel" verbunden war.
In meinem beruflichen Alltag als Arzt gehört dieses Symptom zu einem häufig beklagten Beschwerdebild. Viele Disziplinen der Medizin, wie z. B. die Innere Medizin, Neurologie, Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Psychiatrie, Psychotherapie und Orthopädie beschäftigen sich mit dessen Diagnostik und Therapie.
Meine bis dahin geringen Vorkenntnissen über die Neue Phänomenologie waren, wie ich während des Vortrages bemerkte, mangelhaft. Bereits vor den letzten Worten des Vortrages verließ ich leicht verunsichert, verwirrt und zugleich wohlig schwindelig den Raum. Daneben packte mich eine unbändige Neugier, darüber mehr zu erfahren.
Mein Verständnis für "Leib, Gefühl, Raum" im Sinne von Hermann Schmitz wuchs binnen weniger Monate sprunghaft mit der Lektüre des Buches "Leib und Gefühl, Materialien zu einer philosophischen Therapeutik“ ( Herausgeber: Hermann Gausebeck/Gerhard Risch). Ich hatte oft Gelegenheit mit den Herausgebern über Details zu sprechen.
Zunächst war es mühsam - dann zunehmend spannend - dann war ich begeistert - "so konnte es weitergehen".
Weite Teile des Werkes "System der Philosophie“, insbesondere die Bände II und III ( Leib und Raum) folgten - später dann „Höhlengänge“, „Adolf Hitler in der Geschichte“ und die Themen der Symposien der Gesellschaft für Neue Phänomenologie über die vergangenen Jahre. Für mich herausragend wurden zuletzt die Schriften über die „Liebe“ und die „Freiheit".

Die Bedeutung der Entdeckungen von Hermann Schmitz für mich persönlich möchte ich vor dem Hintergrund meiner Lebenserfahrung - neben Schulbesuch, Studium, einer Vielzahl von Erfahrungen aus dem praktischen Alltag - vor allem mit solchen vergleichen, die mir während einer Weltumsegelung Anfang der siebziger Jahre zuteil wurden:  Auf den Weg gebracht von einem ursprünglichen Wunsch für diese Unternehmung, oft allein und wie verloren am Ruder sitzend auf endlos weitem Meer unter einem ebensolchen Sternenhimmel, Kurs haltend je nach den meteorologischen Gegebenheiten und den Ergebnissen einer astronomischen Ortsbestimmung setzte ich das Wissen althergebrachter Seemannschaft in Theorie und Praxis um. In den in Begriffe gegossenen Gedanken der Neuen Phänomenologie finde ich für die Orts- und Kursbestimmung in der Vielfalt alltäglicher Situationen einen "neuen Kompass“.

Später, in meinem beruflichen Alltag als Arzt für Orthopädie mit Tätigkeitsschwerpunkten in der Chirotherapie und Psychotherapie eröffnete sich mir ein erweitertes Verständnis für Behandlungsprozesse. Das Wissen um „Einleibung“, „Richtungsraum“, „motorisches Körperschema“ und vieles mehr bereicherte mich wesentlich in der Ergänzung zu den zuvor vorwiegend naturwissenschaftlich geprägten Behandlungsansätzen. Das machte alles plötzlich “viel mehr Sinn“.
Eine Reihe meiner Patienten waren an diesem gedanklichen Hintergrund und Dialog interessiert.  Mit dem Verständnis aus der Neuen Phänomenologie konnte ich viele diagnostische und therapeutische Verfahren, die naturwissenschaftlich umfangreich oder zumindest ausreichend begründet waren, und auch sogenannte alternative Verfahren nun sinnvoll in angemessener Weise zum Wohle der Patienten anbieten und anwenden.

Ich danke Prof. Dr. Hermann Schmitz, dem mir großartigen Menschen und einem väterlichen Lehrer in einem sehr weiten befreienden Sinn, der mir ein den Ephemeriden vergleichbares Werk geschenkt hat.

Dr. med. Thomas Weber         Bergisch Gladbach - Bockholmwik, am 27.Mai 2021


Ich lernte Herrn Professor Gr. Hermann Schmitz bei philosophischen Voträgen im Rahmen der Deutschen Gesellschaft für Diabetologie näher kennen. In den Jahren 2004 bis 2008 war er ständiger Gast und Referent beim Rügen-Symposion „Interdisziplinäre Adiposologie“, welches von mir organisiert wurde. Dieses Rügensymposion versuchte Zugänge und zusärtzliche Aspekte der Dickleibigkeit herauszufinden, die über die rein medizinische Zugangsweise hinausreichen. Deshalb wurden zum Symposion neben Medizinern auch Philosophen und Soziologen als Referenten eingeladen. Die Themen von Hermann Schmitz waren:

  1. Fettsucht als Vergeltung des Leibes
  2. Entwicklungsstörungenim Verhältnis zu Eßstörungen
  3. Empfänlichkeit und Aktivität in der Nahrungsaufnahme
  4. West- Östliche Bäuche
  5. Die Persönlichkeit in gemeinsamen Situationen.

Der neophänomenologische Zugang durch Hermann Schmitz zum Phänomenbereich Dickleibigkeit verhalf insbesondere uns Ärzten zu besseren diagnostischen Einsichten in das sehr komplexe Geschehen und eine anderes Verständnis zur Befindlichkeit der Menschen mit starker Übergewichtigkeit. Dabei spielt die Leibvergessenheit der Schulmedizin eine bedeutende Rolle. Ich bedaure außerordentlich den Tod von Hermann Schmitz und werde weiterhin dem Themenbereich der Neuen Phänomenologie innerhalb meiner ärztlichen Tätigkeit verbunden bleiben.

 

Dr. med. Volker Haberkorn                                                                  Bergen, den 25.06.2021

Facharzt für Innere Medizin, Diabetologe auf Rügen


Ich trauere um den kürzlich verstorbenen Philosophen Hermann Schmitz. In sein Werk hatte ich mich vor einigen Jahren für meine Magisterarbeit sehr vertieft und die Ehre gehabt, ihn auch persönlich kennenzulernen. Trotz seiner Verschrobenheit sehe ich in ihm einen der interessantesten Philosophen des 20. Jahrhunderts.

Mangels Bekanntheit seines Werkes sollte man vielleicht sagen: einen, der dem philosophisch eher armen 20. Jahrhundert viel zu sagen gehabt hätte, wenn es bereit gewesen wäre hinzuhören. Hätten wir auf ihn und nicht auf den einerseits poststrukturalistischen, andererseits szientistischen Zeitgeist zu hören gewusst, hätte uns einige Unbill der Gegenwart vielleicht erspart bleiben können.

Gott hab ihn selig

Sascha Pahl


Für mich als Arzt tief beeindruckend war die weiterhin frohe und zufriedene innere Haltung trotz der schweren Behinderungen; und: das immerwährende Interesse am Gesprächspartner bis zuletzt. Tief beeindruckend, weil der Umgang mit Krankheit und Alter vielen nur schwer oder auch gar nicht gelingt, zumindest jedoch unter großen Klagen auch über eher geringfügige Beschwerden.

Als junger Assistenzarzt der Psychiatrie in den 80er Jahren, mit noch extrem steilen Hierarchien, hatte ich eine schriftliche Frage (ohne Erwartung, dass ein großer Ordinarius mit antworten würde). Die Antwort umgehend und verbunden mit einer persönlichen Einladung zu einem Treffen der Psychotherapeuten in Hamburg.

Dort entstand dieses Photo:

 

Über alle Jahre hat er mir geduldig meine Fragen beantwortet und sich zudem tief in die Materie der Diabetologie eingearbeitet. Nicht nur in Theorie, sondern auch in Praxis, i.e. im unmittelbaren Patientenkontakt:

 

Das Photo zeigt Schmitz mit einer blinden Patientin, die uns seinerzeit in einem Seminar das blindengerechte Führen erklärt hat.

In zwanzig Jahren hat er in vielen nationalen Diabetesseminaren philosophische Besinnung induziert, Diskussionen angeregt, die zum Teil bis tief in die Nacht dauerten.

Das Photo zeigt Schmitz abends/nachts zusammen mit Prof. Michael Berger, einem der bekanntesten deutschen Diabetologen und seiner Gattin, Professor Ingrid Mühlhauser.

Ein mir unvergessenes Gespräch ist mir bis heute präsent: Schmitz hört – lange – einem deutschen Großdiabetologen zu, der ihm erklärt, was Aristoteles eigentlich wollte ...; hörte zu in seiner unnachahmlichen Art (Ahh, ja...) ... und ließ es dabei bewenden.

Hermann Schmitz konnte aber auch scharf sein in der Diskussion und in bestimmten Themen unerbittlich. Das hat mir sehr gefallen:

Seit Gründung der Gesellschaft für Neue Phänomenologie (Photos des 1. Symposiums):

war ich dabei und habe insbesondere für meine medizinische Fragestellung (wie kommt es zu grotesken Wunden bei Menschen mit Diabetes ?) großen Gewinn gezogen. Der Begriff „konstanter Leibesinselschwund“ ist durch die Leibphänomenologie entstanden.

Im Umgang mit adipösen Patienten war seine Formulierung: „Faszination durch Süßes, Fettes und Weiches“ in den Seminaren zur Entspannung erregter, z.Tl. aggressiver Ärzte unendlich hilfreich (Ein Video hierzu findet sich in YouTube).

Legendär in der Diabetologie waren zwei mehrtägige Oberseminare in Bayern, in die jeweils Bergwanderungen integriert waren. Im ersten Jahr (die Teilnehmer in Bergkleidung und derben Wanderschuhen) bestieg Schmitz den Berg in schmalen, dünnsohligen Straßenschuhen und im leichten Regenmantel. Am Gipfel, die erschöpften Diabetologen, Schmitz bei bester Laune:

Im zweiten Jahr war die Besteigung der Kampenwand zunächst wegen Unwetter abgesagt, dann für den nächsten Tage unter Warnungen freigegeben. Für „ältere“ Teilnehmer war ein ungefährlicher Wanderweg als Alternative angeboten. Auf mein Angebot, ihn auf diesem Weg zu begleiten, Schmitz: „Natürlich gehe ich auf die Kampenwand, ich habe mir ja auch eine entsprechende Ausrüstung besorgt“. – Panik im Organisationskomitee. Der Aufstieg im Nebel, bei nassem, glitschigem Grund; der Abstieg noch beschwerlicher. Alle Diabetologen in Hilfebereitschaft um Schmitz. Mein Angebot einer Unterstützung beantwortete Schmitz liebenswürdig: „Herr Risse, das ist sehr nett, Sie sind als Arzt sozialisiert Menschen zu helfen, aber ich gehe lieber alleine“ – DAS wurde ein Hinweis, den ich seitdem in meinen Seminaren zum Arzt-Patienten-Verhältnis zum Ausgang nehme.

Hier Bilder, die nur näherungsweise die Dramatik der Bergtour wiedergeben:

Am Ende ist alles gut gegangen:

Nicht zu unterschätzen, die Bedeutung seiner Diskussionsbeiträge, die aufgrund seiner diabetologischen Sachkenntnis, für die Diabetologen auch in ihrem philosophischen Implikat verständlich waren. Nachzulesen auch im Standardlehrbuch der Diabetologie von Michael Berger.

Unvergessen für mich natürlich auch die Lesungen in Hamburg bei Dr. Werhahn:

Der Beitrag zur Philosophie kann von mir nicht ermessen werden. Für die Organmedizin / Diabetologie war er enorm. Leider nimmt in der aktuellen Entwicklung der Medizin die Nachfrage nach philosophischer Besinnung ab um der radikalen Ökonomisierung der Körpermaschine Platz zu machen.

Beide, Schmitz und Werhahn sind in kurzer Folge von uns gegangen:

Bleibt zu hoffen, dass der Band V des Systems ...

und

dass die Eule der Minerva in der Gesellschaft für Neue Phänomenologie weiterfliegt.

Bleibt mir noch der Dank für diese wunderbaren Jahrzehnte der Bereicherung und Zuwendung.

Ich würde natürlich gerne noch viel mehr erzählen ...

(Ein Band mit den kompletten Photographien seit Beginn findet sich im Marbach-Institut.)

Trauer, Abschied, tiefer Dank ...

Mit einem Bild aus glücklichen Zeiten:

 

Alexander Risse, Diabetologe und Facharzt für Innere Medizin und Angiologie


Ich habe Hermann Schmitz nur dreimal persönlich getroffen (Göttingen, Berlin und Rostock) und nur beim ersten Mal konnte ich mich ein wenig mit ihm unterhalten. Leider. Aber wir hatten eine stabile und (für mich jedenfalls) fruchtbare Korrespondenz.
Ich las Hermann Schmitz, zunächst zufällig, als Ich mich vor zwanzig Jahren mit der Frage der "Geistleiblichkeit" bei Schelling und in der pietistischen Mystik (Oetinger) beschäftigte, dann aber mit wachsendem Interesse und dem Wunsch, mich in die Neue Phänomenologie zu vertiefen. Ich hatte dann die Ehre, als Erster eines seiner Bücher ins Italienische zu übersetzen und später daran zu arbeiten, die erste englische Übersetzung desselben Buches zu veröffentlichen.
Ich habe viel von ihm und seinen Büchern gelernt, vor allem von seinen weniger offensichtlichen Intuitionen, die manchmal vielleicht den gesunden Menschenverstand irritieren und gerade deshalb absolut fruchtbar sind. Angefangen bei der Frage nach den Atmosphären, mit denen ich mich schon seit langem beschäftige.
Aber es ist vor allem die Radikalität seines Denkens, die für mich ein Vorbild darstellt, in einer Zeit der schwachen Philosophien, die mit Klischees hofieren und versuchen, es allen recht zu machen. Deshalb erinnere ich mich gerne daran, wie er (3.12.2014) auf eine Bemerkung von mir zur Bedeutung seiner philosophischen Radikalität antwortete: "Meines Radikalismus gegen die psychologistisch-reduktionistisch-introjektionistische Vergegenständlichung, die Weltspaltung und die Menschenspaltung in deren Gefolge, können Sie sicher sein."
Ja, das ist er! Hermann Schmitz wird uns fehlen!

Tonino Griffero, Professor für Ästhetik an der Universität in Rom


Der Münchner Arbeitskreis für Neue Phänomenologie nimmt Abschied von Hermann Schmitz

Hermann Schmitz war ein Ausnahmemensch mit einer herausragenden Gabe zur Präzisierung des Unbestimmten. Die Tragweite seines Werkes ist unermesslich. Seine Perspektiven sind für uns wie ein Turm, von dessen Spitze aus man Orientierung findet für dieses Menschsein. Es ist mühsam und eine Lust, dort hinaufzusteigen. Und immer lohnenswert! In dem Bemühen, seine Gedanken zu erfassen und zu verstehen, lernt man sich und die Welt immer wieder aufs Neue kennen. Sein Erbe ist nichts Geringeres als "ein unerschöpflicher Gegenstand", der manchmal das Denken erschwert und irritiert, aber gleichermaßen auch das Leben erleichtern und bereichern kann. Für die Erkundungsmöglichkeiten, die Hermann Schmitz´ Werk angeboten hat und weiterhin eröffnet, sind wir dankbar.

(Bettina Felber, Robert Gugutzer, Henning Hintze, Robert Kozljanic, Eckard Krüger, Thomas Latka, Miriam Mahlberg, Viola Straubenmüller, Charlotte Uzarewicz, Michael Uzarewicz, Barbara Wolf)


Ein Kapitän hat abgedankt, sein Schiff fährt weiter.
Ich bin es, die traurig ist, aber auch diejenige, die sich freut:
Über jeden Tag, an dem ich Menschen weiterbringen kann
mit den klugen Gedanken von Hermann Schmitz.

Barbara Wolf, Erziehungswissenschaftlerin und Pädagogin


Hermann Schmitz steht für mich für Geradlinigkeit und für die Freiheit des Denkens. Bei mir hat er die „Weitung des Blicks“ bewirkt, die er mit seinem Werk angestrebt hat.

Dr. phil. Werner Müller-Pelzer

Studiengangsleiter International Business deutsch- französisch und deutsch-hispanisch (1990-2014), Fachbereich Wirtschaft, Fachhochschule Dortmund



Mit Trauer und Bestürzung erfahren wir vom Tod von Professor Dr. Hermann Schmitz. Mit unserer Mutter Dr. Karin Hofter (1927-2015) verband ihn seit den gemeinsamen Studienzeiten in Bonn 1951 eine enge Freundschaft, die sich in einem intensiven geistigen Austausch sowohl brieflich wie persönlich niederschlug und der das intellektuelle Klima und die Diskussionen in unserer Familie nachhaltig prägte.
Da unsere Mutter nicht mehr ihr Beileid aussprechen kann, tun wir es an ihrer Stelle. Seinen Mitstreitern von der Gesellschaft für Neue Phänomenologie, seinen Kollegen, Freunden und Angehörigen gilt unser tiefstes Mitgefühl.

Gilbert Hofter        Dr. Mathias Hofter          Sibylle Hofter


Mit Betroffenheit habe ich die Nachricht vom Tod eines Menschen erhalten, der mir seit meiner Promotionszeit namentlich bekannt war und dessen Leib-Begriff mich zuerst zu Nietzsche und später in die Phänomenologie geführt hat. Wir haben uns erst 2012 persönlich kennengelernt, dann standen wir allerdings in häufigem Briefwechsel. Ich verdanke Hermann Schmitz und seinen vielen Anregungen mein letztes großes Buch - den Atemkreis der Dinge - zu dem er mir über lange Zeit Einwendungen machte, Hinweise gab und Fragen stellte. Der Kern der Auseinandersetzung war der Begriff der Korrespondenz, das Verhältnis von "Situation" und "Atmosphäre", die Frage nach einem "Wir" in einer Zeit, die durch Selbstungewissheit, rationalistische Selbstermächtigung und die Einsamkeit des Individuums gekennzeichnet ist. In seinem eigenen Atmosphären-Buch dankte er mir im Vorwort. Dadurch verdankte ich ihm den Eintritt in den Alber-Verlag, der nun wegen seiner Empfehlung auch mein Buch drucken wollte. Wäre er nicht gewesen, mein Denken wäre vielleicht im Kunstauslegungsbetrieb der UDK Berlin verkommen. So erfuhr ich eine phänomenologische Neufundierung. Ich muss sagen, dass er mich teilweise regelrecht angeworben hat, dass er wissen wollte, dass er kritisierte und lobte, auf Unstimmigkeiten wies, ganz wie ein zweiter später Doktorvater! Seine Briefe sind zahlreich, die Begegnungen waren daran gemessen wenige aber stets gut. Sein letzter handgeschriebener von 2016 handelte von den begrifflichen Vorbedingungen der Korrespondenzphilosophie und endete mit dem erschütternden Satz. "Ich bin nicht mehr in der Lage, noch zu lesen, was ich geschrieben habe." Dass er nicht aufgab, mit der "Lesemaschine" weitermachte und diktierte, wusste ich zu schätzen.

Ich bin in meinen vielen Philosophiejahren vielen zeitgenössischen Denkern begegnet und bin sicher, dass er eine gewaltige Größe war. Die Zeit wird zeigen, dass er  länger "halten" und breiter wirken wird, als so mancher kommunikationstheoretische Scharfsinn unserer Tage!

Reinhard Knodt, Philosoph


Meine erste Begegnung mit Hermann Schmitz war im November 2008, beim Vortrag im Haus von Dr. Werhahn. Ich habe Herrn Schmitz damals geschrieben: "Es war ein schöner Freitagabend. In konzentrierter und kultivierter Atmosphäre war man Ihnen ganz zugewandt, einer Atmosphäre erzeugt aus Ihrer klaren Rationalität, geführt von Ihrer einnehmenden Freundlichkeit und nicht zuletzt geeint durch Ihre entwaffnende, mit Verlaub gesagt, spitzbübische Heiterkeit, die mir eine bleibende Erinnerung sein wird." – Vielen Dank für Ihren unermüdlichen Kampf gegen das tote Reduktionistische und für das ewig Poetische.

Rudolf Gaßenhuber, Psychotherapeut


Hermann Schmitz begegnet sein zu dürfen, war ein großes Geschenk. In zahlreichen Symposien, beim Gesprächskreis im Hause seines Freundes, Weggefährten und Förderers Hans Werhahn und im unmittelbaren persönlichen Kontakt die allein schon faszinierende Lektüre seiner Bücher durch seine Worte und nicht zuletzt auch persönliche Zuwendung (ein Begriff, der seinen "vitalen Antrieb" wesentlich ausmachte) so aus erster Hand bereichert zu erleben, war für mich anfänglich kaum zu fassen, wie es nun gleichfalls schwer fällt, künftighin darauf verzichten zu müssen. Wenige Wochen vor seinem Tod wagte ich noch einen Anruf, um für eine fast fertiggestellte Studie noch einen Rat zu erbitten und durfte seine freundliche, immer hilfreiche und interessierte Unterstützung noch ein weiteres, letztes Mal erfahren.

Ich bin tief überzeugt, dass seine Philosophie in ihrer Vielschichtigkeit einem Kunstwerk gleichkommt, und dass die Wieder- und Neuentdeckung des Leibes in seiner Phänomenologie eine unentbehrliche Brücke bildet für die gegenwärtige Philosophie und Wissenschaft - hin zu einer geistvolleren Lebensanschauung. 

Mit großem Dank

Matthias Veit, Musiker und Hochschullehrer


Die Neue Phänomenologie hat mein Leben bereichert und mir geholfen, hinter die verdeckte Wirklichkeit zu schauen. Ich bin dankbar. Die sorgfältigen Beobachtungen und systematischen Einordnungen, die bisherige Vorstellungen zum Menschen überwinden, sind geeignet, in Zeiten des Wandels Besinnung und Orientierung zu ermöglichen. Möge das Werk von Hermann Schmitz vielen Menschen bekannt werden und seine Wirkung entfalten.

Matthias Freyberg


"Nachruf auf unseren Emeritus Prof. Dr. Hermann Schmitz (1928- 2021)" vom Philosophischen Seminar der Christian-Albrechts-Universität Kiel: https://www.philsem.uni-kiel.de/de/termine-und-aktuelles/nachruf-auf-unseren-emeritus-prof-dr-hermann-schmitz-1928-2021 .


Hermann Schmitz, geb. am 16.5.1928 in Leipzig, gest. am 5.5.2021 in Kiel

Ein Nachruf

Philosophie ist: Sichbesinnen des Menschen auf sein Sichfinden in seiner Umgebung.“ Diese Definition stellt Hermann Schmitz 1990 seinem Buch „Der unerschöpfliche Gegenstand. Grundzüge der Philosophie“, einer Summula seines zehnbändigen „System der Philosophie“ (1964 bis 1980) voran. Der Mensch Hermann Schmitz hat als Philosoph der Erfüllung dieser Definition sein Leben ganz und gar gewidmet. Für sein am 5. Mai 2021 im Alter von beinahe 93 Jahren zu Ende gegangenes Gelehrtenleben gab es nahezu kein Privatleben. Auf eine Familie hat er verzichtet, da er – wie er selber einmal sagte – die Einsamkeit zum Denken brauchte. Eine enge Freundschaft zu Hans Werhahn, die noch aus den frühen 50er Jahren im für die vielfältige deutsche Nachkriegsphilosophie so produktiven Rothacker-Kreis in Bonn datierte, hat ihn in seinem Philosophen-Dasein bis zum Tod des fünf Jahre älteren Freundes 2018 allerdings auch in privater Hinsicht eng und immer wieder unterstützend begleitet. Trotz seiner Betonung der Einsamkeit als Voraussetzung für sein unermüdliches Denken ...

Lesen Sie den Nachruf der GNP hier weiter.


Artikel/Interview: "Zum Tod des Philosophen Hermann Schmitz - Ergriffen von der Macht der Gefühle" (Deutschlandfunk Kultur).


Artikel: "Das Phänomen Hermann Schmitz" (Focus).


Artikel: "Gestorben, Hermann Schmitz, 92" (DER SPIEGEL).


Artikel: "Hermann Schmitz gestorben. Die Säfte unter der Haut" (FAZ).